Andacht im Juni 2017

Das Lebendige Licht – Hildegard von Bingen

„Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“  (Mt 5,8)

„Gott kann nicht geschaut werden, sondern wird durch die Schöpfung erkannt“, so die große Seherin und Mystikerin Hildegard von Bingen.
Kann Mystik für uns etwas bedeuten? Oh ja, denn  Mystik ist keine Geheimlehre, mystische Erfahrungen können alle Menschen machen, die Gottes Gegenwart in ihrem Leben erkennen.  Wenn uns etwas Wunderbares ganz tief berührt, sagen wir dann nicht auch: Das ist nicht von dieser Welt?
Das innehaltende Schauen und Betrachten der Natur, der Lebenszeit, Freundschaft, Liebe, von Abschied und Schmerz: das ist Kontemplation; mit stiller, sanfter Aufmerksamkeit sich öffnen, leer und frei werden für Gott. Wenn wir das Werden und Vergehen der Natur beobachten, die unglaubliche Vielfalt der Formen und Farben, und uns vertiefen in das Wunder des Lebens, dann schauen wir Gott zu.

Hildegard von Bingen lebte von 1098 bis 1179, sie stammte aus einer altadeligen Familie und kam schon als Kind in die Frauenklause des Klosters Disibodenberg bei Bad Kreuznach. Sie genoss die bestmögliche Bildung ihrer Zeit durch ihre Meisterin und wurde mit 38 Jahren Äbtissin des Frauenkonvents. Sie strebte nach Selbstständigkeit und erreichte mit viel Geschick den Bau und die Gründung eines Benediktinnerinnen-Klosters bei Bingen und später einer Filiale bei Rüdesheim. In ihrer über 40jährigen Zeit als Äbtissin gelangte sie zu großer Berühmtheit und wurde die „Prophetissa Teutonica“ genannt.
Sie ist die Verfasserin eines gewaltigen theologischen, eines naturkundlichen und eines medizinischen Werkes. 300 Briefe sind erhalten, sowie Kompositionen aus ihrer Feder, eigenwillige, berührende Musik.

Hildegards langes Leben und riesiges Werk kann hier nicht dargestellt werden. Was uns heute an Hildegards Theologie und Weltbild faszinieren kann, ist ihre ganzheitliche Sicht. Ihr Werk gründet auf ihren Visionen, die sie „Das lebendige Licht“ nennt. Sie sieht innere Bilder, die sie erschüttern. Sie erkennt, wie alles  miteinander verwoben ist, einander zugeordnet und von göttlicher Weisheit durchdrungen.

Hildegards Schau umfasst das ganze Universum, als ob Gott den Kosmos in seinem Herzen trüge: Der Herzschlag Gottes entspräche dem Werden und Vergehen des Ganzen. Es sind unermesslich große, großartige Vorstellungen. Ihre Sicht ist durchgehend optimistisch, das Böse ist zwar in der Welt, denn ohne das Böse könne das Gute ja nicht erkannt werden. Die Erlösung ist eine gemeinsame Anstrengung von Gott und Mensch – dabei siegt die Liebe.

Die Weisheit ist eine Quelle der Offenbarung Gottes, sie ist kein Eigentum des Menschen, sondern gehört auf die Seite Gottes. Gott hat sie bei der Schöpfung als eine Realität ganz eigener Art in die Welt gelegt, dass sie von dort die Menschen anrede. „Frau Weisheit“ liebt den Menschen und begehrt seiner. Sie ist  keineswegs ein Geheimwissen, im Gegenteil: Sie ist allen Menschen zugänglich, doch der Weg zu ihr führt nur über Gott in seinen Offenbarungen.

So gesehen ist die Theologie Hildegards eine reformatorische: Weisheit, Barmherzigkeit und Erkenntnis soll allen Menschen zugänglich sein. Dazu bedarf es weder Gelehrsamkeit noch eines Klosterlebens.
Durch Kontemplation, wie sie Hildegard lehrt, können wir Gott auf eine neue, wunderbare Weise erfahren. Der Trost der Geborgenheit, in seiner Hand zu sein, und die Zuversicht auf seine unerschütterliche Liebe  beflügeln uns durch den heiligen Geist: Dann werden wir uns aus unserer Trägheit aufraffen und seinem Wort, als das Christus unter uns ist, folgen.
Der Blick in Hildegards Weisheitstheologie und Mystik ermutigt: Jederzeit können auch wir uns von Gottes Gegenwart erfassen lassen. (Barbara Horn)

(in: Evangelische Frauenhilfe im Rheinland (Hrsg.). Andachten 2017. Reformation - Kraft und Mut zur Erneuerung. 24 Andachten durch das Kirchenjahr)

Gebet

Jesus sagt: „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen!“
Himmlischer Vater, wir bitten dich:
Mache mich einfältig, innig abgeschieden,
sanft und still in deinem Frieden, 
dass ich deine Klarheit schauen mag in Geist und Wahrheit.
Lass mein Herz - überwärts - wie ein Adler schweben
und in dir nur leben. Amen.

Liedvorschläge

Zwei wunderbare Lieder mit mystischem Gedankengut finden wir im Evangelischen Gesangbuch:
Gott ist gegenwärtig (eg 165)
Tut mir auf die schöne Pforte (eg 166)